Nachdem es im letzten Blog-Post um die Definition von Inklusion ging, möchte ich in diesem Beitrag den Index für Inklusion etwas näher vorstellen. Der Index für Inklusion wird von vielen Institutionen als Orientierungsleitfaden zur Implementierung von inklusiven Kulturen und Strukturen benutzt. Er kann aber auch als Instrument zur Selbstevaluation für inklusive Vorhaben hinzugezogen werden. Ursprünglich wurde der Index für Inklusion von Booth & Ainscow (2002) für die Inklusion in der Schule entwickelt. Auf deutscher Sprache wurde er von Boban & Hinz (2003) übersetzt. In den letzten Jahren sind viele unterschiedliche Versionen des Index für Inklusion entstanden.

Bisher wurde der Index für Inklusion für folgende Bereiche erarbeitet:

  • der Index für Inklusion für den Bereich Schule (deutsche Übersetzung durch Boban & Hinz, 2003)
  • der Index für Inklusion für Kindertagesstätten
  • der kommunale Index für Inklusion
  • der Index für die Jugendarbeit und
  • der Index für den organisierten Sport

Auch wir haben den Index für Inklusion bereits im Rahmen unseres Fanprojekts EFC Adleraugen verwendet. In diesem Blog-Beitrag möchte ich zunächst den Index für Inklusion am Beispiel des Index für die Kita vorstellen. Anschließend möchte ich erklären welche Rolle die Barrierefreiheit im Index für Inklusion spielt.

Beispiel: Der Index für Inklusion in Kitas

Insgesamt wird zwischen drei Dimensionen des Index für Inklusion unterschieden, die sich ursprünglich auf den Bereich Schule beziehen (vgl. Boban & Hinz, 2003, S.17):

  • inklusive Kulturen schaffen
  • inklusive Strukturen etablieren
  • inklusive Praktiken entwickeln

Abbildung 1: Der Index für Inklusion in Anlehnung an Boban & Hinz, 2003 (eigene adaptierte Darstellung)

Im Folgenden werden die drei Dimensionen exemplarisch aus dem Index für Inklusion in Kindertagesstätten (Kitas) etwas ausführlicher beschrieben. Diese umfassen laut Booth, Ainscow & Kingston (2006, S.72 ff.) folgende Dimensionen und Indikatoren:

Dimension A: Inklusive Kulturen entwickeln

Bereich A.1 Gemeinschaft bilden

  • 1.1 Jeder soll sich willkommen fühlen.
  • 1.2 Die Kinder helfen sich gegenseitig.
  • 1.3 Die Erzieherinnen arbeiten gut zusammen.
  • 1.4 Die Mitarbeiter/innen und Kinder begegnen sich mit Respekt.
  • 1.5 Es gibt eine Partnerschaft zwischen Mitarbeiter/innen und Eltern.
  • 1.6 Die Erzieherinnen stellen eine Verbindung zwischen den Ereignissen in der Einrichtung und dem Leben der Kinder zu Hause her.
  • 1.7 Die Erzieherinnen arbeiten gut mit dem Träger zusammen.
  • 1.8 Die Einrichtung öffnet sich zum Stadtteil.

Bereich A.2 Inklusive Werte verankern

  • 2.1 Jeder, der mit der Einrichtung beschäftigt ist, beteiligt sich am Einsatz für Inklusion.
  • 2.2 Von allen Kindern wird viel erwartet.
  • 2.3 Alle Kinder werden als gleich wichtig behandelt.
  • 2.4 Die Einrichtung hilft den Kindern, mit sich zufrieden zu sein.
  • 2.5 Die Einrichtung hilft den Eltern, mit sich zufrieden zu sein.

Dimension B: Inklusive Leilinien etablieren

Bereich B.1 Eine Einrichtung für alle entwickeln

  • 1.1 Die Mitarbeiter/innen werden bei Stellenbesetzungen und Beförderungen fair behandelt.
  • 1.2 Allen neuen Erzieherinnen wird bei der Einarbeitung und Eingewöhnung geholfen.
  • 1.3 Alle Kinder der Nachbarschaft werden ermutigt, die Einrichtung zu besuchen.
  • 1.4 Die Einrichtung wird so umgestaltet, dass sie allen Menschen zugänglich wird.
  • 1.5 Allen neuen Kindern wird bei der Eingewöhnung geholfen.
  • 1.6. Die Erzieherinnen bereiten die Kinder gut auf den Übergang in andere Einrichtungen vor

Bereich B.2 Unterstützung von Vielfalt organisieren

  • 2.1 Alle Arten der Förderung werden koordiniert.
  • 2.2 Fortbildungsveranstaltungen helfen den Mitarbeiter/innen, auf die Vielfalt der Kinder und Jugendlichen einzugehen
  • 2.3 Die Leitlinien des „besonderen Förderbedarfs“ sind Leitlinien für Inklusion.
  • 2.4 Die Richtlinien zum „besonderen Förderbedarf“ werden dazu genutzt, Barrieren für Spiel, Lernen und Partizipation aller Kinder zu verringern.
  • 2.5 Die Förderung der Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, kommt allen Kindern zugute.
  • 2.6 Die Hausregeln verbessern die Einrichtung für alle Kinder.
  • 2.7 Der Druck auf Kinder, die als „Störenfriede“ betrachtet werden, wird reduziert.
  • 2.8 Eine barrierefreie Einrichtung wird angestrebt.
  • 2.9 Das Schikanieren von Kindern wird unterbunden

Dimension C: Inklusive Praxis entwickeln

Bereich C.1 Spiel und Lernen gestalten

  • C 1.1 Bei der Planung der Aktivitäten wird an alle Kinder gedacht.
  • 1.2 Die Aktivitäten regen alle Kinder zur Kommunikation an.
  • 1.3 Die Aktivitäten ermutigen alle Kinder zur Teilnahme.
  • 1.4 Die Aktivitäten wecken das Verständnis für die Unterschiede zwischen Menschen.
  • 1.5 Die Aktivitäten wirken Vorurteilsbildung entgegen.
  • 1.6 Die Kinder können ihr Lernen und Spielen aktiv gestalten.
  • 1.7 Die Kinder kooperieren bei Spiel und Lernen.
  • 1.8 Tests unterstützen die Leistungen aller Kinder.
  • 1.9 Die Mitarbeiter/innen regen die Kinder zu Selbstdisziplin und respektvollen Beziehungen an.
  • 1.10 Die Mitarbeiter/innen planen die Aktivitäten, werten sie aus und beteiligen sich daran partnerschaftlich.
  • 1.11 Lernassistentinnen fördern Spiel, Lernen und Partizipation aller Kinder.
  • 1.12 Alle Kinder beteiligen sich an gemeinsamen Aktivitäten

Bereich C.2 Ressourcen mobilisieren

  • 2.1 Die Einrichtung ist so ausgestattet, dass Spiel, Lernen und Partizipation gefördert werden.
  • 2.2 Die Ressourcen werden gerecht verteilt.
  • 2.3 Die Unterschiede zwischen den Kindern werden als Ressourcen für die Förderung von Spiel, Lernen und Partizipation genutzt.
  • 2.4 Das Fachwissen der Mitarbeiter/innen wird in vollem Maße genutzt.
  • 2.5 Die Erzieher/innen entwickeln gemeinsame Hilfsmittel, um Spiel, Lernen und Partizipation zu fördern.
  • 2.6 Ressourcen in der Umgebung der Einrichtung sind bekannt und werden genutzt.

Deutlich wird, dass der Index für Inklusion ein recht flexibles Instrument ist, welches sich an die spezifischen Rahmenbedingungen der jeweiligen Einrichtungen bzw. Zielstellungen anpassen lässt. Eine Stärke des Leitfadens liegt also sicherlich in seiner Flexibilität und Modifizierbarkeit. Die Indikatoren und Fragen sind so offen formuliert, dass sie situativ an die Bedürfnisse der jeweiligen Einrichtung angepasst werden können und zur Reflexion des (pädagogischen) Handelns anregen.

Phasen des Index für Inklusion am Beispiel des Fanprojekts Adleraugen

Der Index-Prozess besteht insgesamt aus fünf Phasen:

Phase 1: Mit dem Index beginnen, Phase 2: Die Situation im Fanclub beleuchten, Phase 3: Einen inklusiven Plan entwerfen, Phase 4: Den inklusiven Plan in die Praxis umsetzen, Phase 5: Den Index-Prozess evaluieren.

Abbildung 2: 5 Phasen im Index-Prozess

Im Folgenden soll der Index-Prozess am Beispiel unseres Fanprojekts „EFC Adleraugen“ vorgestellt werden:

Die Phase 1 (Den Index-Prozess beginnen) ist in der Fachliteratur als erster Schritt bei der Einleitung des Index-Prozesses definiert worden. Dieser gilt in der Regel als abgeschlossen, wenn ein Index-Leitungsteam gebildet und eine gemeinsame Sichtweise entwickelt wurde, wie der Index in die (Fan-) Arbeit eingeführt wird. Die Phase 1 wird also laut dem idealtypischen Prozess (vgl. Booth, Ainscow, Kingston, 2006) nur einmal bei der Implementation des Index-Prozesses durchlaufen.

In dieser Anfangsphase ist es sehr wichtig, das vorhandene Wissen der Teammitglieder zusammenzutragen und die jeweils vorliegenden Haltungen zum Thema Inklusion zu reflektieren (vgl. Meyer & Kieslinger, 2014). Zudem ist es von Bedeutung, die inklusiven Kulturen, Strukturen und Praktiken des Fanclubs mit Hilfe der Indikatoren zur Selbstevaluation zu analysieren. Somit kann die aktuelle Situation im Fanclub beleuchtet werden, bereits vorliegende Potenziale aufgedeckt und weitere Entwicklungsschritte definiert werden. In dieser Phase kann es zudem hilfreich sein, Hilfe von außen hinzuzuziehen (einen sogenannten „kritischen Freund“).

Phase 2 knüpft inhaltlich an der ersten Phase an. In dieser Phase wurde vor allem das Wissen und das „Know-How“ von externen Personen miteinbezogen. In unserem Fall bekamen wir in dieser Phase professionelle Unterstützung durch zwei erfahrene „Coaches“ im Rahmen eines „Startsocial“-Beratungsstipendiums. In dieser dreimonatigen Beratungsphase erhielten wir regelmäßig Hilfestellung bei relevanten Entwicklungsfeldern wie beispielsweise der Organisationsentwicklung, der Finanzplanung und dem Projektmanagement. Ein wichtiger Schritt stellte die Erstellung eines Projektplans dar. In diesem Plan wurden kurz- und langfristige Prioritäten festgelegt und grundsätzliche Verantwortungsbereiche geklärt. Mit Unterstützung der beiden startsocial-„Coaches“ konnten auch Möglichkeiten der Finanzierung des Fanclubs (z.B. Beantragung von Fördermitteln) und Maßnahmen zur Erhöhung des Bekanntheitsgrades und der regionalen Vernetzung festgelegt werden. Dabei wurden bereits erste Aufgaben und Rollen innerhalb des Teams verteilt, die den festgelegten Prioritäten zugeordnet wurden.

Die in Phase 2 festgelegten groben Prioritäten und Maßnahmen wurden in Phase 3 ausdifferenziert und in Form von einem „inklusiven Plan“ konkretisiert. Dabei wurden innerhalb des Teams konkrete Vorgehensweisen und Prioritäten abgestimmt, Aufgaben verteilt und diese schriftlich festgehalten. Dieser Plan enthielt somit alle geplanten Aktivitäten sowie Meilensteine, die innerhalb eines konkreten Zeitraums (6 Monate) durchgeführt werden sollten. Dabei wurden die bestehenden Ressourcen und die geplanten Aktivitäten und Vorhaben zum Ausgangspunkt der weiteren Strategie gemacht (vgl. Meyer & Kieslinger, 2014). Zudem wurden auch langfristig angelegte Ziele bzw. Meilensteine festgelegt, die auch in einem längerfristig angelegten Zeitraum erreicht werden sollten.

Hinsichtlich der Planung von inklusiven Angeboten wie z.B. der Organisation eines „Public Hearing“-Events (gemeinsame Teilnahme an einer Live-Übertragung eines Bundesligaspiels in Form von einem Audio-Angebot von Eintracht Frankfurt) lagen Aufgaben z.B. in der Organisation barrierefreier Räumlichkeiten, technischer Hilfsmittel sowie in der Mobilisierung von Begleitpersonen, die die Fans während des gesamten Events betreuen.

Neben der konkreten Planung von einzelnen kontaktfördernden Aktivitäten lag der Fokus in dieser Phase auf der Öffentlichkeitsarbeit, sowie dem Aufbau von benötigten Unterstützungsstrukturen und Kooperationen (z.B. zum Fanclubverband von Eintracht Frankfurt).

In Phase 4 erfolgte dann die Umsetzung der in Phase 3 festgelegten Prioritäten. Ein Überblick über die durchgeführten Maßnahmen und Angebote kann hier eingesehen werden.

In der abschließenden Phase 5 erfolgt die Evaluation der durchgeführten Aktivitäten und Maßnahmen. Die Evaluation sollte dabei – wenn möglich – sowohl auf Vorstands- bzw. Leitungsebene erfolgen, als auch auf der Ebene der Fanclubmitglieder/innen mit und ohne Behinderung. Um diese unterschiedlichen Perspektiven in den Evaluationsprozess aufzunehmen, bietet sich die Verwendung von Fragebögen an, die sich inhaltlich und sprachlich an die jeweiligen Zielgruppen richten. Die bereits vorgestellten Indikatoren und Leitfragen des Index für Inklusion können dabei als Gliederungshilfe dienen. Wichtig ist es, dass die Evaluation schriftlich dokumentiert wird und sowohl strategische Fragen (z.B. Öffentlichkeitsarbeit, Kooperationen, Förderung), als auch inhaltliche Fragen der Angebotsplanung und -gestaltung (Art und Umfang der Aktivitäten, Sicherung der Unterstützung) in den Blick nimmt (vgl. Meyer & Kieslinger, 2014).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.